Der Sealand Brief

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Louis Nizer

WHAT TO DO WITH GERMANY?

Was sollen wir mit Deutschland machen?

Erschienen in USA 1943/44

Übersetzt aus dem Amerikanischen

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Vorbemerkung

Dieses Buch aus der Feder eines Mitgliedes der (jüd.) «B'nai B'rith Loge» (hebräisch: Söhne des Bundes, 1843 in New York gegründet) kam 1943/44 heraus und wurde Pflichtlektüre für Roosevelts Kabinettsmitglieder. General Eisenhower verteilte 100 000 Exemplare und ließ die Offiziere seines Stabes Aufsätze ueber das Buch schreiben. Der nach Roosevelts Tod amtierende US-Praesident Truman verlangte, daß ‹jeder Amerikaner› das Buch lesen solle.

Inzwischen ist dieses Buch restlos aus dem Handel verschwunden, nur: sein Inhalt ist allgegenwärtig!

Wir halten es für nützlich, zum besseren Verstündnis der Vor- und Nachkriegsgeschichte diese deutsche Übersetzung herauszugeben, weil bei den Betroffenen das meiste Interesse zu erwarten ist.

Die Herausgeber

VORWORT

«Der Friede hat sie nicht weniger berühmt gemacht als der Krieg», schrieb John Milton.

Die große Tragödie des XX. Jahrhunderts ist, daß der Friede hat Niederlagen hinnehmen müssen, sogar nach Kriegen, die seinethalben gewonnen wurden. 1918 legte die gequälte Welt die Waffen nieder. Der Friede war da, aber wir drehten ihm den Rücken zu, als könne er sich selbst erhalten, als ob die gleiche gewissenhafte Planung und die Gewaltströme an Energie nicht nötig wären, mit deren Hilfe wir den Krieg gewannen, um den Frieden zu behaupten. Zwar wurden die Deutschen demokratisiert, aber wir hatten sie nicht für die Demokratie begeistern können. Nach der vor kurzem errichteten Republik waren wir selbstgefällig genug, uns damit zufriedenzugeben, als ob es mit der formellen Einrichtung getan wäre, anstatt das Fehlen der Sehnsucht des Volkes nach Selbstregierung zu wecken. Und das Ergebnis: nach zwanzig Jahren des so teuer erkauften Sieges war der Friede verschludert. Erst dann entdeckten wir, daß unser Unvorbereitetsein auf den Frieden die Zeit als Präludium für einen neuen Krieg genutzt worden sind. Und gerade wie zum Hohne waren wir auf einen solchen auch nicht vorbereitet!

Ist dann erst Krieg, dann gibt's kein langes Hin und Her: man muß gewinnen oder untergehen. Durch solche Wahlbegrenzung ist denn auch zugleich der Versuch zur Verzögerung und Vergleichung verringert. Auf Irrtum und Verschiebung steht daher die Todesstrafe. Aber sonst kann man gemächlich Frieden schließen. Das erlaubt alle Kunstgriffe der Unentschlossenheit: Kommissionen, Experimente, Debatten.

Der Tag zu einer neuen Gelegenheit, vielleicht der letzten, kann uns vielleicht geboten werden zu einem ruhmvollen Sieg für den Frieden. An dem Tag, an dem das Wort, daß der Krieg beendet sei, über die Erde gesendet wird, wird die Welt widerhallen vom frohen Glockenklang und hysterischen Sirenengesang. Millionen Herzen werden für eine Sekunde stillstehen im heiligen Gebet. Dann wird eine Welle von Begeisterung über die Erde schwappen. Überall werden sich die Menschen spontan zusammenfinden. Hunderte von überfüllten Neulebensfeiern werden in der Nacht irrsinniger Freude begangen werden. Die Kinder - verwundert über die Ausgelassenheit ihrer Eltern - werden kreischen und tanzen in ansteckender Nachahmung. Die Kirchen werden von Besuchern überfüllt sein, zu erregt, um beten zu können. Männer werden sich in einer Anwandlung von Dankbarkeit in philanthropischen Orgien ergehen.

Frauen, die während des Krieges viel zu sehr gelitten als daß sie hätten wehklagen können, werden wieder lernen, vor lauter Freude laut zu schreien. Freudenfeuer werden in unsern Herzen brennen und von dort wird eine Welle religiöser Dankbarkeit zum Himmelsgewölbe steigen. Der Friede ist da! Friede! Wegen des Triumphs und Sieges und Friedens werden wir wie die Berserker herumspringen. Und das wird ausgerechnet der Augenblick der größten Gefahr sein bei der ganzen Geschichte!

Wollen wir wieder die Millionen Menschenopfer unseres Volkes gebracht haben, nur weil wir zu faul zum Denken sind? Wollen wir wieder unsere Trümpfe aus der Hand geben und wieder auf unsere Wanderprediger hören? Oder wollen wir in Kenntnis der Ursachen dieses Jammers uns nicht doch ergrimmt die Aufgabe stellen, den Frieden zu gewinnen und den Dritten Weltkrieg zu verhindern?

KAPITEL I

ARZNEI OHNE AUSSICHT AUF HEILUNG

In der kurzen Zeitspanne von 25 Jahren ist der germanische Vulkan zweimal ausgebrochen, jede Menschlichkeit beiseite schiebend. So sind wir denn gezwungen, unsere friedfertigen Werke zu verlassen. Mit dem Maßstab der allgemein üblichen Verbrechensbeurteilung gemessen sind Deutschlands Verbrechen zu groß, als daß sie nicht unsere allgemeinen Auffassungen über Bestrafung überträfen. Das ist eine nicht zu begreifende Erscheinung. Wir finden sehr schnell unsere Einstellung und Beurteilung bei einem notorischen Faulpelz oder bei einem ruchlosen Mörder. Was aber sollen wir mit Millionen von Mördern machen? Unser Strafrecht versagt, wenn die Verbrecherbande ein ganzes Volk umfaßt. Aus diesem Grunde sind die üblichen Strafen für Vergehen Einzelner angesichts dieses Massenverbrechens nicht anwendbar.

1. Ausrotten und Sterilisieren

Wir schütteln uns noch bei dem Gedanken, einen überführten Mörder durch Hängen oder auf dem elektrischen Stuhl hinzurichten. Aber wir überspielen in unserer überempfindlichen Gefühlsduselei die religiöse Lehre «Auge um Auge». die Strafe rechtfertigend als ein Abschreckungs­mittel Dritten gegenüber. Aber was wird man zu dem Vorschlag sagen, diese Lehre auf das ganze deutsche Volk anzuwenden! Sofort kommen Dutzende von widerstrebenden Meinungen zum Vorschein. «Das gesam­te deutsche Volk ist nicht verantwortlich; man kann nicht ein-ganzes Volk verurteilen!», oder: «eine derartige Bestrafung äfft die anormale Grausamkeit nach und macht uns zu Nachfolgern der Verurteilten», oder: «man kann nicht 80 Millionen töten», oder: «sowas würde eine neue Krise für Europa bedeuten und eines der größten und tüchtigsten Völker auslöschen», usw., usf.

Die Franzosen werden wie gewöhnlich sagen: «Entweder müssen wir Deutschland vernichten oder mit ihm Frieden schließen - und es vernichten, das wäre Wahnsinn». Aber seitdem haben die Franzosen erfahren: es ist nicht leicht, mit ihnen in Frieden zu leben».

Andere, die durch die deutschen Brutalitäten zu verzehrendem Haß aufgestachelt sind, schlagen vor, das Volk als Rasse durch rassehygienische Sterilisation auszumerzen.

Man wagte zu behaupten, daß - wenn die zwangsweise Serumbehandlung mit Rücksicht auf den Nutzen für die Gemeinschaft zu rechtfertigen sei - daß dann die Sterilisation des deutschen Volkes gewissermaßen als Vorbeugungsmaßnahme zu betrachten sei, um die Welt für alle Zeiten unempfindlich gegen den deutschen Virus zu machen. Man betonte dabei, daß die ärztliche Durchführung einfach, dabei schmerzlos sei und den Patienten nicht der natürlichen Empfindungen oder der Lustgefühle beraube. Die Samenstrangunterbrechung beim Mann ist eine einfache Operation und erfordert einen nur leichten Einschnitt, da der Samen­strang direkt unter der Haut liegt. Die Operation dauert nur zehn Minuten, und der Patient kann unmittelbar nachher sogar die Arbeit wieder aufnehmen. Die Trennung der Muttertrompeten, welche Operation die Unfruchtbarkeit der Frau bewirkt, ist schon schwieriger, aber kaum gefährlicher.

Es gibt ungefähr 50 Millionen deutsche Männer und Frauen im zeugungsfähigen Alter. Man schätzt, daß 20 000 Ärzte bei je täglich ungefähr 25 Operationen die gesamte männliche Bevölkerung Deutsch­lands innerhalb weniger als drei Monate sterilisieren könnten. Bei Frauen dürfte es für die Gesamtheit kaum drei Jahre dauern. Bei einer durchschnittlichen Sterblichkeit von 2% jährlich, was etwa 1 1/2 Millionen ausmachen würde, wäre dann das deutsche Volk innerhalb zweier Generationen praktisch ausgelöscht.

Diesen Vorschlag lehnen wir ab, allerdings keinesfalls aufgrund deut­scher Proteste. Die Deutschen haben jedes Recht auf Proteste verwirkt, was sie sich selbst zuzuschreiben haben. Man schätzt, daß in Deutsch­land 300 000 und in Polen 700 000 Menschen sterilisiert worden sind. Dabei ging es nicht alleine darum, die Bildungsmöglichkeiten abzu= schaffen als vielmehr darum, die Bevölkerung knechtisch zu machen, indem die Menschen durch Unzucht und Drogenanheizung körperlich und seelisch verkrüppeln, um so die systematische Ausrottung ganzer Völker herbeiführen.

So wollen wir einfach die Stimme von Nazi-Protesten überhören. Allzu oft haben sie mit scheinheiliger Beschwörung auf moralische und ethische Einsprüche ihrer Gegner geantwortet, die sie als zu verachtende Schwäche zu vermerken beliebten. Dennoch können wir unser Gewissen nicht leichtherzig darüberhuschen lassen, wenn wir unsere Zuflucht zu unmoralischer Wiedervergeltung nehmen. Soll wirklich eine Welt der Gerechtigkeit errichtet werden, dann darf von Rache nicht gesprochen werden. Denn Tausende Unschuldiger würden von ihrem Sog erfaßt, und bleiben würden schleichende Haßgefühle als die neuen Teufel der Zukunft. Würden in einem solchen Fall nicht die Unschuldigen ebenso geschlagen wie die Schuldigen? Wo soll denn dann die Strafe aufhören? Würde dann die jetzige Generation der über die ganze Erde verstreuten deutschen Kinder diesen Plan nicht zerreißen?

Sowohl die religiöse wie auch die ethische Begriffswelt vor allem verbiete uns den Willen zur Ausrottung eines Volkes. Der Abscheu vor wissenschaftlicher Verstümmelung ist stärker als alle kühle Rechtferti­gung, und sei sie noch so logisch. Obwohl Unmenschlichkeit erneut Unmenschlichkeit erzeugt, wir würden verachtet werden von denen, die nach uns kommen. Die moralischen Zwänge sind das Ergebnis einer sich über Jahrhunderte erstreckende Zivilisationsentwicklung. Dessen brau­chen wir uns nicht zu schämen. Laßt sie uns in Kanäle leiten, die den Blick für solche Werte schärft.

Wir dürfen das Abnorme nicht nachmachen, wenn es auch nach Rache schreit, und das ganz gewiß nicht, wenn wir eine Welt der Gerechtigkeit aufbauen wollen. Der Zollstock für angemessene Strafe muß in Überein­stimmung mit unsern religiösen und ethischen Auffassungen sein. Ein Vorhaben zur zwangsweisen rassischen Sterilisation oder gar vollständi­gen Ausrottung stieße auf entschiedene Widersprüche aus religiösen und anderen Zirkeln und würde zudem erneute Unstimmigkeiten unter den Siegern erzeugen. Es würde die Deutschen zu Märtyrern machen und - ganz natürlich - es käme zu Massenaufständen. Wenn es kein weltweites Vertrauen in die Gerechtigkeit der anzuwendenden Mittel gibt, dann werden sie als praktisches Mittel fehlschlagen. Moralische Sühnemaß­nahmen müssen physischen gegenüber Vorrang haben.

Außerdem bedenke man: eine Sterilisation könnte vielleicht das deutsche Problem für künftige Generationen lösen, aber es wäre keine Lösung für die jetzige Zeit. Die Nachwelt sicher zu gestalten, ist ein großartiger Gedanke, aber ihr steht gegenüber die eher unmittelbare Pflicht, an uns und unsere Kinder zu denken.

Auf die Lösung vermittelst Sterilisation müssen wir verzichten.

Ein solcher Selbstverzicht ist weit entfernt von unangebrachter Gefühls­duselei. Wir werden gleich Methoden kennenlernen, die uns zu strenger Bestrafung zur Verfügung stehen. Im Augenblick wollen wir das Kapital über eine Bestrafung mittels Sterilisation als nicht durchführbar an Millionen, abschließen, zumal ein solches Vorhaben auch die morali­schen Vorschriften selbst bei einem verurteilten Mörder verbieten.

2. Zuchtwahl, frei nach Mendel's Lehre

Den Vorschlag von Professor Ernst A. Hooton, Anthropologe der Harvard-Universität, die deutsche Aggressivität aus dem Volke herauszu­züchten, können wir ebenso wenig annehmen. Dieser Vorschlag würde uns zwingen, die Hauptmasse der jetzigen deutschen Armee für eine Zeitspanne von 20 Jahren oder gar noch länger in den verwüsteten Gebieten als Arbeitseinheiten zu beschäftigen. Einzelnen Männern würde dann erlaubt werden müssen, nur Frauen aus diesem Gebiet zu heiraten. Durch eine solche Kreuzung könnte man die Geburtsrate «reiner Deutscher» zurückdrängen und den Aggressionsdrang neutrali­sieren.

Die Lehre der Reinrassigkeit hat keinerlei Wert mehr, wenn sie nur auf die Nazis bezogen wird; wie aber würde sie auf andere wirken? Angriffslust ist kein biologischer Zug. Eine Zeitlang waren Holländer und Türken geschichtlich gesehen Aggressoren. Heute sind sie friedliebend. Bei Lösung über die Vererbung übersieht man oder nimmt nicht zur Kenntnis, was Erziehung, wirtschaftliche Verhältnisse und soziale Stel­lung für den Charakter eines Volkes bewirken können.

3. Politische Aufteilung

Was für andere Heilmittel werden nun geboten? Sollen wir Deutschland in eine Reihe von Einzelgliedern aufsplittern und durch solche Trennun­gen die Todesstrafe aussprechen über das Gesamtdeutschtum? Wäre das besser als nur für die Nation? Ein derartiges Vorhaben wäre verlockend und ist auch schon in weiten Kreisen erwogen. Man muß aber damit rechnen, daß widerstandsfähige Kräfte des deutschen Volkes übrigblei­ben, wenn Deutschland in kleine Minderheitsgruppen aufgeteilt wird. Anfangs bestand Deutschland aus vielen Einzelstaaten, die sich in Kultur, Herkunft und Sprache unterschieden. (Anm. d. Verfassers: «Man beachtet meist nicht, daß Deutschland aus zwei verschiedenen Elementen besteht, die sich sowohl rassisch wie auch kulturell unterscheiden. Die ursprünglichen deutschen Stämme, die in ihrer frühen Geschichtszeit von der westlichen Zivilisation beeinflußt waren, lebten im Westen und Süden des heutigen Deutschland. Die Bewohner östlich der Elbe waren jedoch ursprungsmäßig und sprachlich Slawen. Diese slawischen Volksgruppen wurden vor etwa 700 Jahren von deutschen Rittern besiegt und versklavt. Die Nachkommen der Ritter sind die heutigen Junker. Das kulturelle Erbe der Volksgruppen ging nach und nach verloren. Dennoch gibt es im Umkreis von SO Meilen Berlins eine beachtliche Gruppe von Menschen (300 000), die ihre slawische Sprache beibehalten haben. Zur Zeit Friedrich des Großen sprach nur ein Drittel seiner «Preußen» deutsch. Die übrigen blieben ihren slawischen Spra­chen treu. Als Bismarck 1870 das Deutsche Reich schuf, blieb dennoch der Gegensatz zwischen des Westlern und den Junkern. In seinen Memoiren schrieb Bismarck, daß die Rheinländer die Preußen haßten und die Junker «Spreekosaken» nannten. - Schluß d.Anm.). Nacheinan­der wurden sie von den Preußen unterworfen. Viele glauben nun, daß die Aufsplitterung des Reiches in seine ursprünglichen Bestandteile ihre nationalen und rassischen Gegensätze wieder aufleben ließe. Den Haß auf die Preußen solle man daher direkt zwischen die Deutschen säen. Aber eine solche Aufteilung dürfte wohl einen zusätzlichen Anreiz zu einem extremen Nationalismus geben, von dem die teutonischen Völker besessen sind. Die deutsche Einigung war eine der erfolgreichsten Propagandamittel des Pangermanismus seit dem XIX. Jahrhundert. Philosophen wie Fichte und Hegel sprachen sich schon dafür aus. 1866 wurde Preußen durch den Sieg über Österreich der beherrschende Staat in Deutschland. Die «Zusammengehörigkeit des deutschen Blutes» wurde als Sprachregelung von Bismarck verbreitet und wurde damit die treibende Kraft für den neuen Großdeutschlandgedanken. Er glättete die ehemaligen Unterscheidungen zwischen Bayern, Sachsen, Württemberg und Hannover.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Abtrennung von Bruchteilen des deutschen Volkes, wie z.B. Danzig und der polnische Korridor, wohl als Strafe gedacht, aber sie schwächte Deutschland nicht. Es wurde die Zahl der deutschen Bevölkerung nur um Bruchteile von Prozenten verringert, aber die Anwendung der gleichen Politik gegenüber Ungarn, Österreich und Bulgarien half die Saat der Drachenzähne für die Zukunft säen. Der fanatische Glaube der jetzt (1942 – d.Ü..) in Deutschland lebenden Generation an ein Gesamtdeutschland würde einen Rückgriff auf die alten Teilungen als höchst untunlich erscheinen lassen. Das würde für die Deutschen geradezu eine Einladung bedeuten, diese Scheingrenzen einfach wegzuwischen. Die Trennung nach dem Verlust des (1. Welt­ d.Ü.) Krieges hat nur zu einer Umgruppierung geführt, ihre Stärke nahm mit der Begeisterung für einen neuen Zusammenschluß zu.

Bei den Deutschen war diese Sehnsucht nach Einheit für alle so selbstverständlich, daß man sie geschickt als zusätzliche Entschuldigung für die Welteroberungspläne ausnutzen konnte. Denn in jedem Lande leben Deutsche, und gemäß der Lehre der Blutsgemeinschaft bleiben sie auch weiterhin Deutsche. Außerhalb des deutschen Reiches gibt es ungefähr 33 Millionen Deutsche. Im Westen etwa 15 Millionen und in USA 10 Millionen. Gemäß ihrer Lehre können sie sich selbst nicht der unbedingten Treue zum Staat entbinden, selbst dann nicht, wenn sie einer anderen Staatsbürgerschaft angehören.

Wenn nichts unternommen wird, um diese von Grund auf verdammens­werte Religion auszurotten, dann wird die bloße Trennung von keinerlei Nutzen sein. Im Gegenteil, eine derartige Maßnahme würde der Anstoß für Einigungsbeschwerden sein, mit denen sich dann die Welt abplacken kann. Solches schafft nur eine ganze Serie von Minderheitsproblemen. Wirtschaftsschranken wie auch politische Machenschaften werden sich einstellen.

Außerdem: eine Teilung würde weder die deutsche Eigenstaatlichkeit zerstören noch auch nur vorübergehend aufheben. Im Gegenteil, sie schafft viele kleinere Regierungen und vermehrt dadurch die Probleme. Denn jede Regierung muß ihre eigene Polizei haben, wenn nicht gar ihr eigenes Heer. Wir haben es doch erlebt, wie die Deutschen durch Täuschung diese ganze Frage als nicht unterscheidbar machten. Das Nebeneinander der vielen kleinen Staaten trägt somit zu den Schwierig­keiten bei, ihre Eigenstaatlichkeit zu schützen. Das schafft wirtschaft­liche und politische Schwierigkeiten für andere Staaten, die die Teil­staaten als tatsächlich bestehende Schöpfung ansehen, während die vielen Deutschländer die Frage Polizei oder Heer als unter sich gelöst betrachten konnten.

Wenn wir aber nun von Deutschland abgetrennte Gebiete an seine Nachbarstaaten abtreten, dann balkanisieren wir einen andern streitba­ren Teil Europas, vergrößert um alle gesellschaftlichen und nationalen Streitigkeiten. Anpassungen von Währungen, Handel, Politik und Heerwesen - und damit kommen wieder sämtliche alten Rollen der Teufelei zum Vorschein.•

4. Zwangsverschickung

Genauso undurchführbar, ist der Plan, Deutschland durch Verschiffung seiner Bevölkerung zwecks Kolonisation anderer Gebiete auszusiedeln. Eine solche Forderung übersieht die eine Tatsache, daß die ihrer militärischen Macht beraubten und zerstreuten Deutschen dennoch ihr erfinderisches Talent behalten. Noch einmal: wir brauchen uns vor den nazistischen Schrecknissen mit derartig extremen Maßnahmen nicht zu schützen. Gerade sie haben uns doch vorgemacht, wie man mitleidlos ganze Bevölkerung verschieben kann: annähernd 500 000 Tschechen wurden von der Tschechoslowakei nach Deutschland gebracht; 4 320 000 Polen wurden aus ihrem Heimatland verbracht; (nachdem man 900 000 totgeschlagen hatte); Die Nazis trugen auch keinerlei Bedenken bei dem zwangsweisen Verbringen von 2 350 000 Franzosen, 468 400 Holländern, 13 000 Norwegern, 532 000 Belgiern und 60 000 Dänen. Sie alle wurden ihres Besitztums beraubt, von ihrer Heimat zu anderen Völkern fremder Zunge und Kultur getrieben. Nein, ein deutscher Einspruch gegen eine vorübergehende Landverschickung wäre wohl einer, der am allerwenigsten beeindrucken könnte.

Aber eine tatsächliche Entvölkerung der Mitte Europas wäre kein Beitrag zum wirtschaftlichem Wiederaufbau. Abgesehen von dem Problem der Unterbringung und der zwangsweisen Verschiebung von mindestens 50 000 000 Menschen - was für eine Sicherheit wäre damit für die unbedingte Forderung nach Frieden gewonnen? Diesen Plan könnte man recht gut mit dem vergleichen, der empfiehlt, ansteckende Krankheiten dadurch auszurotten, daß man ihre Erreger sparsamst über die ganze Erde ausstreut.

Psychologisch gesehen sind solche Vorschläge einer Rassetrennung nur Bemühungen, eher dem Problem aus dem Wege zu gehen als es zu lösen; die Wiedergutmachung zu ersetzen durch äußerste Anstrengung einer anderen Lösung. So wie Ausrottung ein racheerfülltes Heilmittel wäre, so sind auch die politische Aufteilung oder Verschickung wirklichkeits­fremde Vorhaben.

Gerechtigkeit - d.h. nicht Gefühlsduselei oder Grausamkeit

Das sicherste Zeichen, daß wir das Problem nicht gründlich genug durchdacht haben, beweist das vorherrschende Urteil, wie es sich in dem oberflächlich zum Ausdruck gebrachten ~ Gewohnheitsspruch zeigt: «schlagt sie tot» oder «vergebt und vergeßt».

Wir müssen den rührseligen Prediger meiden, der Herzklopfen be­kommt, wenn er an den gemeinsten Verbrecher und «seine Familie» denkt, während er finster und gefühllos sein Haupt schüttelt im Gedenken an die Opfer, weil «es doch auf keinen Fall wieder zum Leben erweckt werden kann». Im internationalen Leben gibt es auch sein Gegenstück: den Politiker, der der Ansicht ist, daß nur vollkommene Vergebung einer kriegerischen Wiederholung am besten vorbeugt. Die Göttin der Gerechtigkeit läßt ihre Waagschale sinken und wendet voller Scham ihr Haupt mit den verbundenen Augen ab, wenn derartig unglaubliche Greueltaten, wie sie unsere Feinde der ganzen Welt angetan haben, nicht bestraft würden. Schnelle, sichere und angemessene Strafen müssen angewandt werden. Darüber sprechen wir später.

Wir müssen sicher gehen, daß der kommende Friede nicht nur ein Zwischenzustand wird, während dem die Deutschen, uneinsichtig wie sie sind, dazu benutzen, einen erneuten Angriff vorzubereiten. Wenn wir nicht klug genug sind, eine neue Erhebung zu verhindern, dann wird DER TAG unvermeidbar und unsere Opfer sind vergebens gewesen.

Den Deutschen kann man kein Vertrauen auf «Reue» oder auf die ernsthafte Versicherung eines neuen Lebenswandels entgegen den begangenen Irrtümern schenken. Es gibt auch kein Zutrauen zu einer Selbstkontrolle oder zu einem Wohlverhalten bei vollkommenem Mangel an Edelmut.

Demnächst: Das Buch von Louis Nizer im Business Club erhältlich!

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